Leseprobe mitten aus 'Der Kein-Fall-Fall'.  (Buch-Details)

Es klingelte.

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Alex schlug an. Ein Anschlagen konnte man es eigentlich nicht mehr nennen. Es war ein kurzer Laut, der einem Bellen sehr nahe kam. War es, um anzuzeigen, es ist etwas los? Oder drückte er damit sein Missfallen aus, dass er gestört worden war?

Sie schreckte auf. Hatte es geklingelt. War sie eingedöst? Sie hatte sich in ihren Lehnsessel gesetzt. Die Aufregung der Nacht. Alten Leuten steht ruhen zu. Auch ihr.

Es klingelte. Also doch - es hatte geklingelt. Alex wiederholte seinen Kommentar. Sie stemmte sich aus dem Sessel und ging zum Fenster. Jemand stand vor der Gartentür und blickte neugierig um sich.

Ein Vertreter war es nicht. Hawaii-Hemd und beiges Sakko über der Schulter. So leger läuft niemand herum, der jemandem etwas andrehen will. Ob dieser Jemand auch noch Bermudashorts trug? Sie konnte es vom Fenster aus nicht sehen. Dieser Teil des Mannes war vom Torpfosten verdeckt. Man hätte damals den Pfosten nicht neu aufmauern lassen sollen, als ihn der Betrunkene umgefahren hatte. Man hätte sich ein neues schickes Maschendraht-Türchen mit je einem Eisenrohr rechts und links machen lassen sollen. Dann wüsste man auch über die Hose Bescheid.

Sie dachte und redete jetzt oft in der anonymen Person. Wie alle, gut, viele. Eine unmögliche Mode. Man konnte sich so gut dahinter verstecken. Man konnte von sich reden und so tun, als rede man im Sinne mehrerer, aller oder anderer, und schwebe darüber.

Sie wurde von einem erneuten Klingeln aus ihren Gedanken gerissen. Diese neugierigen Shorts schaue ich mir jetzt an.

Sie öffnete die Haustüre und reckte ihren Hals ein wenig. Aber auch dieser Blickwinkel gab nicht viel her. Der Mann vor dem Tor war einen Schritt zur Seite getreten und hatte das gleiche getan, um besser am Haus vorbei schauen zu können. Aber beide waren sie keine Giraffen.

Ihre Blicke trafen sich.

“Was wollen sie?” Nun musste er aus seiner Deckung herauskommen.

Tat er aber nicht. Sein Sind-Sie-Frau-Viktoria-Ratni prallte auf halben Weg gegen ihr Was-wollen-Sie. So verstanden beide nur die Hälfte. Da sie aber Ihren Namen mit einem Fragezeichen herausgehört hatte, antwortete sie schnippisch: “Wenn es draußen so steht, wird es wohl so sein. Und wer sind Sie?”

Nun musste er aus seiner Deckung herauskommen. Tat er aber immer noch nicht. Stattdessen antwortete er ohne Emotion “Ich bin Robert Nase, Polizist. Ich möchte Sie etwas zu dem Überfall von letzter Nacht fragen. Sie sind als Zeugin genannt und haben den Überfall gesehen.”

Das ist doch nicht die Polizei, nicht einmal in der Narrenzeit. Der Polizist, der in der Nacht geklingelt hatte, hatte anders ausgesehen. Größer, bestimmter. Seine Stimme hatte sie nicht gehört. Sie hatte ihn angeschnauzt, bevor er etwas sagen konnte. Nein, der war es nicht. Jetzt sitze ich in der Bredouille. Der Trick war so alt. So überlistet man Senioren, wenn man in ihr Haus will. So raubt man sie aus. Das war im Fernsehen oft so. Die Rowdys vom Bahnsteig waren jünger, der Angegriffene hatte einen Bart. Von denen war es keiner.

Alex tat einen Schritt nach vorne. Um besser sehen zu können? Oder war er auf Angriff aus? Sie musste schmunzeln. Alex war nicht auf Angriff aus. In dem Alter nicht mehr. Früher ja, aber heute. Wir beide sind zu alt für Angriff.

Sie überlegte. Draußen stand der Mann. Er hatte inzwischen eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche geholt und wedelte damit.

Ich könnte ihm sagen, er solle die Karte über die Gartentür auf den Weg werfen und Alex schicken, um sie zu holen. Wieder huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht, während sie liebevoll zu Alex hinunter sah. “Du würdest sie nicht holen.” Alex sah nur verständnislos zu ihr auf. Woher sollte er auch wissen, von was sie redete und was hier vorging.

Wenn ich den Türöffner betätige, ist er herinnen und ich bin ihm ausgeliefert. Drücke ich nicht, erfahre ich nicht, ob er Shorts an hat. Oder ich gehe vor zur Gartentür und schaue mir seine Visitenkarte an. Wieder musste sie schmunzeln. Wie leicht ich mich doch selbst betrügen kann. Ich will die Shorts sehen.

Beamtenwitwe? Ex-Deutsch-Lehrerin. Hager, reserviert und selbstbewusst. Zuverlässig und vertrauenswürdig. Nases Eindruck, Vermutung und Wissen passten zusammen.

Sie ging die beiden Stufen hinunter und die paar Schritte zur Gartentüre. Jetzt kommt er mir nicht mehr aus, dachte sie dabei.

Sie stand am Tor. Sie war enttäuscht. Er trug eine braune Jeans und braune Schuhe. Die waren wenigstens modern. Der Rest erinnerte sie mehr an ihren mittleren Lebensabschnitt. Um ihre Enttäuschung wegen der Shorts zu beerdigen, nahm sie die Visitenkarte und warf einen Blick darauf.

“Darf ich reinkommen? Drinnen spricht es sich besser.”

“Sie sehen wohl zu viel fern?”

Nun war es an ihm, zu schmunzeln. “Gut, dann reden wir hier.” Sagte es, lächelte und legte sein Sakko auf den Pfeiler.

“Sie haben den Überfall am Bahnsteig letzte Nacht gesehen und 112 angerufen.”

Da sie darin keine Frage erkennen konnte, antwortete sie nicht. Er sah sie fragend an.

Na, geht doch. Wer was wissen will, muss fragen. Nun antwortete sie mit Ja, während sie weiter vor sich hin dachte. Nicht 112, sondern die 112 habe ich angerufen. Für einen Polizisten ermittelt er ganz schön schlampig.

“Wie geht es ihm? Haben Sie die Täter schon?” Eigentlich wollte sie nicht mit der Polizei kooperieren. Die hatten sie nicht mehr befragt, obwohl sie in der Nacht gegen halb drei noch einmal angerufen hatte, die 110. Sie hatte nicht einschlafen können, wahrscheinlich die Neugier. Der Schrei hatte sie beschäftigt. Ein Aufschrei. Und dann war Stille. Wenn sie ihn umgebracht haben? Sie hatte eine Aussage machen wollen. Als Antwort hatte sie aber nur, ihr Wunsch würde weiter geleitet und sie solle warten, bis sie befragt werde, bekommen. Eine Stunde später war sie eingeschlafen. Niemand war mehr gekommen und wollte etwas wissen.

Ich nehme zu ihren Gunsten an, dass er gesagt hat befragt und nicht gefragt. Nach dieser Spitzfindigkeit wurde ihre Laune besser. Was kann den diese Nase dafür, dass die anderen sich nicht interessierten. Wieder musste sie schmunzeln. Diesmal jedoch wirklich nur innerlich. Nase, wie kann man nur so heißen? Spürnase. Vielleicht ist er deswegen Polizist. Sie nannten ihn früher sicher Rotznase. Vielleicht hatte er eine, vielleicht war er eine gewesen.

Er ließ ihr viel Zeit. Er sah, dass es in ihrem Hirn arbeitete. “Nein.”

Dies ist bestenfalls eine halbe Antwort. Neues Misstrauen gegen die Person vor ihrem Garten keimte auf. “Haben Sie einen Dienstausweis?”

“Sicher, er liegt im Auto. Vorne am Haltepunkt.”

Alex war inzwischen nachgekommen, nachdem er erst einmal unter seinem Baum geschäftlich war. Er blickte abwechselnd zu den beiden auf. Es war nicht der fragende Blick, soll ich ihn zerreißen. Es war der Blick, um was geht es und wer bist du.

Immer noch sah Nase sein Gegenüber an. Da er keine Reaktion von ihr bemerkte, drehte er sich um. Er wollte seinen Ausweis holen.

“Halt, halt! Warten sie hier. Ich hole den Schlüssel.” Sie drehte sich um und ging ins Haus zurück.

Über achtzig. Fit im Kopf wie fünfzig. Seinen Gedanken fügte er noch hinzu: Und körperlich auch nicht viel älter. So möchte ich auch einmal sein.

Sie blieb lange weg. Wahrscheinlich ist sie doch nicht so fit. Einen Schlüssel verlegt man doch nicht. Aber das war ihm auch schon einmal passiert, als sein Wohnungsschlüssel in den Gästehausschuh gefallen war und er lange gesucht hatte.

Sie erschien wieder an der Haustür und drückte auf den elektrischen Türöffner. Das Summen ertönte schon eine ganze Weile, bis Nase sich gefangen hatte. Er drückte gegen die Tür und ging hinein. Bevor er sie zu fassen bekam, schlug sie hinter ihm zu.

Nase ging zum Haus. Schlüssel und elektrischer Türöffner passten nicht zusammen. Da erlöste sie ihn aus dem Konflikt.

“Ich habe die Nummer auf der Visitenkarte angerufen. Es gibt Sie wirklich.”

Fit war sie. Der von der Notrufzentrale hatte recht gehabt. Demnach werden ihre Beobachtungen nicht aus der Luft gegriffen sein. Es war zwar spät gewesen, für manche früh, aber für sie sicher spät.

“Warum haben Sie keine Uniform?”

“Ich habe eine, bin aber gerade auf dem Weg zur Arbeit. Ich ziehe sie immer erst dort an.”

“Also noch nicht im Dienst? Ich hätte Sie nicht hereinlassen sollen.” Das meinte sie aber schon nicht mehr ganz so ernst.

Er ging hinter ihr in ein geräumiges Wohnzimmer, das die Zeugen eines Lebens beherbergte. Möbel, die hundert und mehr Jahre alt sein mochten oder die sie sich zur Hochzeit angeschafft hatten; Bücher, eine ganze Wand voll; Krimskrams, wie er sich in den Jahren ansammelt; Bilder, sicher mit ihren Kindern und Eltern; ein Strauß Pfingstrosen und ein Laptop. Die Wohnung ergänzte seinen ersten Eindruck von draußen.

Sie klappte den Deckel des Computers zu. “Den brauche ich für meine Notizen und zum Bilder anschauen.” Sie deutete zur Couch: “Setzen Sie sich.”

‘Ist das ihre Familie?’ und ‘Wollen Sie einen Tee oder Kaffee’ trafen wie die Sätze vor dem Haus aufeinander. Beide amüsierte das. Auch beide Antworten trafen sich. Ja und ja, bitte einen Kaffee.

“Wir müssen uns einigen, wer wann spricht.”

Er nickte. “Ja, das wäre von Vorteil.” Er kramte einen Block und einen Stift aus seinem Sakko, das er neben sich gelegt hatte, als er sich gesetzt hatte.

Sie ging hinaus und kam umgehend mit einer Tasse Kaffee und einem Milchkännchen zurück. “Ich habe ihn in einer Thermoskanne. Er ist noch keine Stunde alt.” Lächelnd stellte sie beides vor ihn hin. “Zucker steht da.”

“Danke, nur schwarz.” Während er kurz nippte, der Kaffee dampfte, zeichnete er einen kleinen Kreis auf seinem Notizblock, links oben. Dann blickte er auf seine Uhr und schrieb die Zeit hinter den Kreis.
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