Habts Ankunft

Habt. Ja Habt, so nannten ihn alle. Keiner wusste und weiß es bis heute noch nicht, wo der Name hergekommen war, er war plötzlich da. Genauso wie Habt plötzlich da war, aus dem Nichts. Vielleicht war er über Nacht auf einem Feld gewachsen, oder im nahen Wald. Wahrscheinlich hatte ihn aber der Wind hergeweht. Der Wind, der nun ständig allgegenwärtig war, genauso wie Habt. Kaum jemand erinnerte sich an die Zeiten, als der Wind noch ein sporadisches Lüftchen gewesen war, das verträumt die Bäume durchkämmt und die Mauern der Schleuse gestreichelt hatte, um dann noch einen kurzen Abstecher an die ersten Häuser im Ort zu machen, bevor es im Nirgendwo verschwunden war. Dieses Lüftchen war nun nicht mehr. War es erwachsen geworden oder vom inzwischen lästigen, stets und überall zerrenden Wind vertrieben?

Ja, der Wind war früher da als Habt. Ja, das war er. Da waren sich alle sicher. Und jeder im Dorf fragte sich, wie lange er noch bleiben werde. Er, der Wind. Und er, Habt.

Warum war es nicht wie früher. Musste dieser Wandel das Dorf heimsuchen? Mancher schob Habt die Schuld am Wind in die Schuhe, obwohl dies Unsinn war und jeder das wusste. Wie konnte jemand Schuld haben an der Existenz des Windes, welcher nachweislich und in allen Gehirnen verankert, schon vorher da gewesen war?

Als Habt ins Dorf kam, hatte er keinen Namen. Da waren sich alle einig. Wieso sollte eine einzelne Person, die keinen Ton von sich gab, einen Namen brauchen? Wozu? Habt hatte sicher nicht einmal einen Zettel in der Tasche, auf dem sein Name vermerkt war. Er brauchte keinen Zettel. Wozu auch? Mit Sicherheit wusste er seinen eigenen Namen. Da aber die Dorfbewohner nicht auf Dauer nur von 'ihm' sprechen konnten, gab ihm irgend jemand den Namen Habt. Keiner wusste und weiß mehr, wer den Namen als erster aussprach. Keiner wusste, was dieser Name bedeuten sollte, aber er machte ruck zuck die Runde und war, glaube ich, schon am nächsten Tag jedem so geläufig, als sei Habt schon immer im Dorf gewesen und habe schon immer so geheißen.

Die Menschen sind manchmal eigenartig. Sie schließen einen aus oder ins Herz ein, gerade wie es ihnen gefällt, und niemand weiß, was sie im jeweils aktuellen Fall tun werden. Jedes mal ist es eine Überraschung. Manchmal reagieren alle gleich, manchmal bilden sich Gruppen und oft hat jeder seine eigene Meinung.

Wie das nun bei Habt gewesen war, als er plötzlich auf der Bank unter der Dorflinde saß, wusste keiner mehr. Alle Dorfbewohner hatten ihn scheinbar gleichzeitig gesehen, auch die, die draußen auf den Feldern waren, obwohl die ihn gar nicht zur selben Zeit gesehen haben konnten. Aber jeder wusste von Habts Anwesenheit im Dorf und jeder war sich sicher, dass er ihn als erster gesehen hatte. Niemand konnte sich erinnern, von Habts Anwesenheit von jemand anderem erfahren zu haben. Niemand sprach über diese Ungewöhnlichkeit, für alle war diese Tatsache der Gleichzeitigkeit das Selbstverständlichste auf der Welt.

Am Abendtisch wurde gerätselt, wo er hergekommen sei, was ihn hergeführt habe und wo er wohl über Nacht bleiben werde. Die meisten schienen sich auf den Wind geeinigt zu haben, denn das war das Wahrscheinlichste. Und was er im Dorf wolle, werde man schon noch erfahren. Über Habts Nachtlager machte sich bald keiner mehr Gedanken. Irgendjemand werde ihn schon aufnehmen. Vielleicht werde er im Gasthaus übernachten. Dass der Wirt, der beklagenswerte Witwer, seiner Frau nach kurzer Zeit gefolgt und erst vor einer Woche beerdigt worden war, das bedachte niemand.

Niemand hatte Habt angesprochen, als er ihn das erste mal sah, ebenso wenig hatte dieser jemanden angesprochen. Bis jetzt fand noch kein einziger Wortwechsel mit dem Neuankömmling statt. Das Leben ging seinen Gang, nur eben mit Habt. Was hätte man ihm sagen können? Im Dorf wusste jeder alles von jedem. Was sollte man noch darüber reden? Und was hätte man ihn fragen können? Woher er komme? Was er hier wolle? Er werde es schon mitteilen, wenn er die Zeit für gekommen hielte. Davon waren alle überzeugt. Alles regelt sich mit der Zeit von selbst, das war immer so gewesen. Warum sollte es in diesem Fall anders sein? . . . . .

weiter geht es in 'Moang is heid gestan'

© BS motor

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