Leseprobe mitten aus 'I shall kill - Ich werde töten' (Buch-Details)

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Schlaftrunken öffnete Walter die Tür.
“Hallo, Kind! Brötchen, Semmeln, Schrippen, Weckli!” Eindeutig zu laut drang die fröhliche Stimme seiner Mutter in Walters Kopf.
Er grummelte etwas, das verständlich gesprochen ein ‘Morgen’ hätte sein können, gefolgt von einem deutlicheren ‘Kim’ und einem klaren ‘Du’, welche das jeweilige Ausrufe- und Fragezeichen beinhalteten.
Kim kannte ihren Sohn; seit einunddreißig Jahren. Walter war ein Morgenmuffel, immer schon gewesen. Wenn es jedoch drauf ankam, war er präsent, zu jeder Tages- und Nachtzeit.
“Du hättest anrufen können. Es ist doch noch Nacht.” Da kam es Walter von unten, ganz weit unten aus dem Gedächtnis. “Hast du nicht vorgestern schon einmal angerufen? Du bist schon zurück? Haben sie dich raus geschmissen?”
Kim schloss die Wohnungstür, die er geistesabwesend aufgelassen hatte, und folgte Walters in den Raum gesprochenen Worten.
Sie vernahm ihr wohl bekannte Geräusche aus dem Bad und dann die Spülung. Als Walter in die Küche trat, empfing sie ihn mit einem mütterlichen Lächeln: “Das wievielte Getränk war denn gestern schlecht?”
Sie wusste, dass ihr Sohn das nicht beantworten konnte und wahrscheinlich auch nicht wollte. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort:
“Erstens: Was heißt ‘Ich hätte dich anrufen können.’ Ich habe! Vorgestern. Du hast mich freundlich abblitzen lassen. Gestern und heute vor einer halben Stunde. Du hast bei deinem ‘Meeting’” – ‘Meeting’ klang eindeutig spöttisch – “sicher dein Handy ausgeschaltet gehabt. Oder war es ein Rendezvous? Du musst dich nicht rechtfertigen. Solche Nächte habe ich auch schon erlebt.”
Da fiel Walter wieder ein, wo er sein Handy hatte. Gestern war der erste Tag, seit wann auch immer, an dem er ohne Handy ausgekommen war. Er hatte es nicht finden können.
Im Sofa. Er schob seine Mutter beiseite und holte es heraus, während sie weiter sprach.
“Zweitens: Es ist zwar noch nicht richtig hell, aber die Nacht ist vorbei; wenigstens bei dem Vogel ..”
Walter vervollständigte: “der Würmer mag.”
Kim kannte sein Ende des Spruchs, nickte zustimmend, lächelnd.
“Gestern war ich nicht weg, zu deiner Beruhigung. Ich war und bin nüchtern. Ich bin nur müde, wenn ich nicht aufstehen muss. Heute ist doch Sonntag? Ich habe vorgestern mein Handy verlegt und es nicht mehr gefunden. Eben ist mir eingefallen, wo ich es hingelegt habe.”
Kim wollte etwas antworten, doch Walter redete weiter: “Und drittens?” Er wollte es eigentlich nicht wissen. Er war im Augenblick nicht auf fremde Probleme geeicht.
Kim amüsierte die Situation. “Niemand hat mir gekündigt. Der Dreh ist im Kasten. Das Projekt ist abgeschlossen. Wir sind zwei Tage zu früh fertig geworden. Heute gibt es noch eine Party. Wenn ich es richtig mitbekommen habe, liegt auch finanziell das Haben unter dem Soll. Ich habe dich vorgestern und gestern Abend angerufen, aber der Herr….”
Kim war sich nicht ganz sicher ob Walter noch zuhörte. Er bereitete den Kaffee und deckte den Frühstückstisch – für beide.
“Ich genieße das Leben. Es war richtig in Frühpension zu gehen. Der Dienst war immer unerträglicher geworden. Schnappst du einen, lassen ihn die Richter laufen. Weil er jemanden kennt, der in der Familie einen hat, der eine schlimme Kindheit gehabt hatte. Wenn du ihn wegen eines neuen Delikts wieder ablieferst, muss wenigstens einer seiner eigenen Familie eine schwere Kindheit gehabt haben. Mit Freispruch kann er rechnen, wenn er selber der Betroffene war. Macht das Spaß? Und das Klima auf dem Revier.”
“Kim, ich kenne deine Probleme. Die sind vorbei!”
“Ja, ich bin meine los. Wieso, hast du auch welche? Sag schon, was ist es.”
Walter wich hörbar aus: “Nichts. Ich habe keine.”
“Sagt der Sohn zur Mutter.”
“Erzähl von deinen Abenteuern beim Dreh.” Walter setzte sich an den Tisch und beide begannen mit dem Frühstück.
“Als Mutter erzählt man seinem Sohn nicht von seinen Abenteuern. Außerdem hatte ich keine. Nicht einmal auf die Besetzungscouch musste ich.” Kim lachte.
Walter wollte eigentlich nichts hören. So warf er auch kein ‘durfte’ ein. Ihm wäre am liebsten gewesen, seine Mutter wäre wieder gegangen. Diesen Gefallen tat sie ihm aber nicht. So hatte er einiges zu tun, die Gedanken um XY und das Geplauder seiner Mutter den entsprechenden Hirnregionen zuzuordnen.
“Visagisten brauchen nicht auf die Couch – glaube ich. Bernd nimmt mich auch so. Er will mich wieder haben, bei seinem nächsten Projekt.”
“Ihr seid schon beim ‘Bernd’?” Das zweideutige Nimmt-mich-auch-so wollte er nicht kommentieren. Schließlich saß seine Mutter vor ihm.
“Ich kenne ihn schon seit mehr als einem Jahr; seit wir damals den Drehort abgesichert haben.”
“War er dereinst schon Bernd?”
Kim entfuhr ein Kichern, wegen ‘dereinst’ und wegen ‘Bernd’.
‘Wie ein Schulmädchen’, dachte Walter. Er wäre froh gewesen, wenn seine Mutter wieder eine Beziehung gehabt hätte. Gesellschaft hatte ihr jedes Mal gut getan, nachdem sie aus dem Polizeidienst ausgeschieden war.
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